Die Berliner Staatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski diskutiert Kulturpolitik, Gleichstellung und gesellschaftlichen Zusammenhalt mit der ÜPFI
Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe „Senator:innen nachgefragt“
begrüßten wir diesmal die Berliner Staatssekretärin für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt, Cerstin Richter-Kotowski (CDU). Die Veranstaltung war ursprünglich für den 4. November 2025 vorgesehen und konnte schließlich am 24. März 2026 von 18 bis 20 Uhr im Berliner Abgeordnetenhaus im Raum 304, stattfinden.
Zum ersten Termin musste die Staatssekretärin leider wegen dringender Verpflichtungen absagen. Umso mehr freuten wir uns, dass die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Cornelia Seibeld, sehr kurzfristig einsprang. Sie begrüßte die Anwesenden herzlich und stand dankenswerterweise rund 20 Minuten für eine offene Fragerunde zur Verfügung.
Beim Nachholtermin, am 24. März 2026, berichtete Staatssekretärin Richter-Kotowski zunächst über ihren persönlichen Weg in die Politik. Sie schilderte, wie sie als junge Mutter erst als Mitglied des Abgeordnetenhauses politische Verantwortung übernahm und später als Bürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf. Seit Juni 2025 bringt sie sich engagiert als Staatssekretärin in die Berliner Kulturpolitik ein.
Wie bei unserer Themenreihe üblich, waren im Vorfeld betroffene und interessierte Akteur:innen sowie Expert:innen eingeladen worden, ihre Fragen an die Staatssekretärin zu richten. Dabei wurde deutlich, dass zahlreiche kleinere und größere Theaterwerkstätten, Orchester, Chöre und Kulturprojekte vor großen Herausforderungen stehen. In vielen dieser Einrichtungen engagieren sich Frauen in besonderem Maße und gestalten wichtige Angebote für Familien, Mädchen und Frauen. Mehrfach wurde betont, dass Kultur ein Ort ist, an dem Menschen demokratisch zusammenkommen.
Im Bereich „gesellschaftlicher Zusammenhalt“ interessierten sich unsere Mitglieder für Wege, bestehende geschlechtsspezifische Pilotprojekte und Fördermaßnahmen zu sichern – etwa in der Kinder- und Jugendförderung oder in der Erwachsenenbildung. Entsprechend stand die Frage im Raum, wie bewährte Strukturen erhalten und gleichzeitig notwendige Sparziele verantwortungsvoll umgesetzt werden können.
Die Fragen knüpfte auch an das langjährige Engagement der ÜPFI für das Thema „Die Leistungen von Berliner Frauen in Kunst und Geschichte sichtbar machen“, an. Ein besonderes Anliegen unseres Vereins sind dabei insbesondere die Unterstützungsbedarfe von Frauen, die zusätzlich von Benachteiligungen aufgrund von Alter, Religion, sexueller Orientierung, Migrationserfahrung oder ihrer Situation als alleinerziehende Mutter betroffen sind.
Zugleich schilderten Teilnehmende konkrete Herausforderungen im Alltag von Kulturschaffenden. So sei es für Künstlerinnen in einer Metropole wie Berlin zunehmend schwierig, bezahlbare Arbeitsräume zu finden. Auch wurde angemerkt, dass Kultur bei Bauprojekten noch stärker mitgedacht werden sollte.
Hervorgehoben wurde außerdem die enge Vernetzung der Berliner Kulturszene. Gerade die freie Szene sei besonders empfindlich gegenüber finanziellen Veränderungen.
Staatssekretärin Richter-Kotowski erklärte zu all diesen Fragen und Anmerkungen, dass sie seit ihrem Amtsantritt viele Gespräche geführt und sich intensiv in die Haushaltsplanungen eingearbeitet habe. Nach ihrer Einschätzung sei die freie Szene insgesamt weniger stark betroffen, als teilweise angenommen werde. Die Vielfalt der Projekte werde zudem durch unabhängige fachliche Jurys gesichert.
Zur personellen Struktur ihres Hauses erläuterte sie, dass die Senatsverwaltung zu rund 75 Prozent aus Frauen besteht. Auch in ihrem direkten Arbeitsumfeld ist etwa die Hälfte der Mitarbeitenden Frauen. In der Leitungsebene stehen zwei Frauen und ein Mann (seit dem 29. April 2026 wieder zwei Männer und eine Frau).
Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass Frauen in Intendanzen weiterhin unterrepräsentiert seien. Auch Kürzungen bei Stipendienprogrammen würden Frauen besonders treffen. Daher wurde angeregt, neue Projekte möglichst paritätisch zu besetzen und Gleichstellung konsequent mitzudenken und zu priorisieren.
Zur Finanzlage Berlins wurde von der Staatssekretärin erläutert, dass der Kulturbereich etwa 2,1 bis 2,5 Prozent des Berliner Gesamthaushalts von rund 44 Milliarden Euro im Jahr 2025/2026 erhalte. Aus dem Publikum kam dazu der Vorschlag obendrein, Teile vom Sondervermögen verstärkt in Kulturprojekte zu investieren. Dabei wurde betont, dass Kunstprojekte Investitionen in die Zukunft seien und Kultur u.a. auch einen wichtigen Beitrag zur Integration und Gewaltprävention leiste.
Für Migrantinnen gebe es in Berlin bereits zahlreiche Programme, so Richter-Kotowski. Gleichzeitig falle auf, dass Frauen kulturelle Angebote häufiger nutzten als Männer. Kultur müsse sich zudem stärker für jüngere Zielgruppen öffnen. Als Beispiel wurde die Leipziger Buchmesse genannt.
Als persönliche Herzensangelegenheit bezeichnete die Staatssekretärin die Förderung von Bibliotheken. Diese seien Orte der Begegnung, verfügten über hohe Aufenthaltsqualität, böten wichtige Angebote für Kinder und seien meist gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden.
Die Teilnehmerinnen äußerten in diesem Zusammenhang den Wunsch nach mehr Barrierefreiheit, zusätzlichen Sitzgelegenheiten und Cafés. Ehrenamtliches Engagement solle stärker einbezogen werden, dürfe jedoch reguläre Beschäftigung nicht ersetzen. Sonntagsöffnungen hält Sts. Richter-Kotowski mit Blick auf Arbeitnehmer:innenrechte derzeit für schwer umsetzbar. Zudem werde aktiv nach Bibliothekar:innen gesucht.
Zur Zukunft der Zentral- und Landesbibliothek Berlin erklärte die Staatssekretärin, dass derzeit keine öffentliche Diskussion über konkrete Planungen geführt werde. Klar sei jedoch, dass die Bibliothek künftig an einem zentralen Standort angesiedelt sein wird.
Auch das Berliner Kulturfördergesetz wurde angesprochen. Das entsprechende Papier sei zwar durch die Verwaltung finanziert, jedoch von unabhängigen Kunstschaffenden erarbeitet worden. In dieser Legislaturperiode werde eine Umsetzung voraussichtlich nicht mehr möglich sein, da weiterer Abstimmungs- und Einarbeitungsbedarf bestehe.
Zum Thema Frauenförderung im Musikbetrieb berichtete eine Teilnehmerin, dass Komponistinnen bislang nur vereinzelt – etwa beim Berliner Symphonie-Orchester – im Programm vertreten seien. Frauenförderung müsse daher gezielt bei Komponistinnen, Dirigentinnen und Künstlerinnen ansetzen. Zudem wurde darauf hingewiesen, dass Werke von Frauen in Museen und Galerien weiterhin deutlich seltener gezeigt würden als Werke von Männern.
Aus dem Plenum kam der Vorschlag, die Sichtbarkeit des künstlerischen Schaffens von Frauen insgesamt durch (z. B. finanzielle) Anreize zu stärken – analog früherer entsprechender Programme im Wissenschaftsbereich. Auch wurde angemerkt, dass bei großen Häusern weitere Einsparpotenziale geprüft werden könnten.
Zum Abschluss erläuterte Staatssekretärin Richter-Kotowski kurz die Mittelverwendung des sogenannten „Transformationsfonds“. Für die kommenden beiden Jahre seien daraus 17 Millionen Euro für ein gemeinsames Depot, ein gemeinsames Ticketsystem sowie logistische Maßnahmen vorgesehen, von denen alle Kulturschaffende profitieren könnten.
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Kulturpolitik in Berlin weit über reine Haushaltsfragen hinausgeht. Sie betrifft demokratische Teilhabe, Gleichstellung, soziale Infrastruktur und den gesellschaftlichen Zusammenhalt einer vielfältigen Metropole.
Wir bedanken uns herzlich bei allen Teilnehmenden für das große Interesse, die vielen Fragen und Kommentare und ganz besonders bei Staatssekretärin Cerstin Richter-Kotowski für ihren Besuch trotz eines übervollen Terminkalenders, für die interessanten Einblicke und besonders für ihre offene, konstruktive und wertschätzende Art im Austausch mit den Anwesenden.
Der Vorstand der Überparteilichen Fraueninitiative – Berlin Stadt der Frauen e.V.



