Wie alles begann

Carola von Braun, Sprecherin: Der Überparteiliche Zusammenschluss von Parlamentarierinnen kam 1992 im neuen Vereinigten Berliner Abgeordnetenhaus auf initiiert von Carola von Braun. Die Idee beruhte auf den schwierigen Erfahrungen mit der damals noch starken männlichen Dominanz in Parteien und Parlamenten. Zusammenarbeit über Fraktionsgrenzen hinaus sollte Frauenpolitik stärken und voranbringen. Die Tatsache, dass auch Kolleginnen der anderen Fraktionen aus Ost und West die Idee für überfällig hielten, hat den letzten Anstoß gegeben.

Gisela Vollradt, Ehrenmitglied: Überparteilich sollte für uns zugleich überparlamentarisch bedeuten, d.h. Zusammenarbeit auch mit frauenpolitisch engagierten Kolleginnen aus Frauen-Institutionen und Frauenprojekten (für die ich z.B. mitwirkte). In einer ersten Gruppe aktiver Initiatorinnen diskutierten wir über Organisation und Zielsetzungen einer ÜBERPARTEILICHEN FRAUENINITIATVE.

Carola von Braun: Mitgründerinnen waren die frauenpolitischen Sprecherinnen der Fraktionen: Ingrid Holzhüter, SPD-Fraktion, Elke Herer, PDS-Fraktion, Sibyll Klotz , Fraktion Bündnis 90/ Grüne und engagierte Mitarbeiterinnen der Fraktionen. Wir freuten uns, dass unsere Anfragen Überall auf Interesse stießen. Insbesondere Christine Bergmann, Senatorin für Arbeit und Frauen, unterstützte das Vorhaben von Anfang an engagiert und gewann ihre Kolleginnen im Senat zur Mitarbeit: Jutta Limbach, damals Justizsenatorin, Ingrid Stahmer, damals Sozialsenatorin, und später auch die Nachfolgerin von Jutta Limbach, Lore-Maria Peschel-Gutzeit.

Gisela Vollradt, Ehrenmitglied: In der regelmäßig tagenden Kerngruppe von bis zu zwanzig politisch aktiven Frauen aus unterschiedlichen politischen Betätigungsfeldern und mit verschiedenen politischen Überzeugungen zeigte sich früh bei der kontinuierlichen, Arbeit, wie wichtig es war, bei allen Differenzen den Willen zur überparteilichen Zusammenarbeit nicht nur zu haben, sondern auch zu praktizieren und zu pflegen.

Carola von Braun: Dabei haben wir bei unserem Vorhaben intern immer wieder Schwierigkeiten überwinden müssen, und müssen es noch. Besonders schwierig war Überparteilichkeit natürlich in Wahlkampf-Zeiten, wenn wir außerhalb der Fraueninitiative sogar Konkurrentinnen um Wahlstimmen sein können. Wir mussten auch erst mühsam lernen, die „normalen“ Kämpfe zwischen Regierungsbank und Opposition aus der Fraueninitiative herauszuhalten.

Elke Herer, Ehrenmitglied: 20 Jahre Überparteiliche bedeutet für mich 20 Jahre politisch übergreifendes Handeln und gegenseitiges Lernen. In einer Zeit, als die PDS von den anderen Parteien im Parlament vor allem gemieden wurde und wir einen schweren gesellschaftlichen Stand hatten, gab es Frauen aller Fraktionen, die sich im Abgeordnetenhaus zusammenfanden, um gemeinsam gegen frauenpolitische Ungerechtigkeiten vorzugehen. Natürlich gab es anfangs heiße Debatten aufgrund unterschiedlicher Positionen oder es erfolgte politischer Druck auf einzelne Frauen, unser Bündnis nicht über Parteiinteressen zu stellen. So musste die CDU-Abgeordnete sehr bald die aktive Arbeit in der Überparteilichen einstellen, weil eine Zusammenarbeit mit der PDS nicht erwünscht war. Trotzdem gab es stets Aktionen an denen alle Parteien beteiligt waren und übereinstimmende Positionen zeigten, wie z.B. bei der Initiative “Frauenförderung in das Grundgesetz bzw. in die Berliner Verfassung“.

Die Anfangsjahre der Überparteilichen fielen in die Zeit des Aufbruchs und der neuen Ideen in der PDS. In zum Teil sehr komplizierten Debatten setzten wir uns innerhalb der Partei auch mit feministischem Gedankengut auseinander. Dabei war für mich die Überparteiliche Fraueninitiative „Berlin-Stadt der Frauen“ aus Abgeordneten, Wissenschaftlerinnen, Projektefrauen, Senatorinnen, Gewerkschafterinnen und anderen eine Fundgrube an neuen Erfahrungen. Heute ist die Überparteiliche Fraueninitiative für mich ein erfolgreiches frauenpolitisches Bündnis, das zu Recht Anerkennung in Berlin, aber auch bundesweit erreicht hat, weil es sich unter feministischem Aspekt gegenwärtigen Themen zuwendet, z.B. im transkulturellen und interreligiösen Lernhaus, sowie sich vorausschauend neuen Fragen widmet, u.a. der demografischen Entwicklung unter geschlechtsspezifischen Aspekten.

Dr. Sibyll-Anka Klotz, 1991 kam ich mit dem Mandat des Unabhängigen Frauenverbandes auf dem Ticket der Alternativen Liste in das erste gesamt Berliner Abgeordnetenhaus. Der Unabhängige Frauenverband hatte sich auch aus dem Selbstverständnis heraus gebildet, dass es über Parteigrenzen hinweg und auch außerhalb von Parteien gemeinsame frauenpolitische Interessen gab und gibt. Im Abgeordnetenhaus erlebte ich, dass es starke Frauen gab, die es im Haushaltsausschuss, als Fraktionsvorsitzende oder Senatorin zu Einfluss gebracht haben. Dass etliche von ihnen u.a. Christine Bergmann, Carola von Braun und Jutta Limbach für Emanzipation, Gleichberechtigung und ökonomische Unabhängigkeit von Frauen eintraten, fanden wir ermutigend. Und die Erfahrung, dass wir etwas erreichen können, wenn wir – bei Bedarf mit den verteilten Rollen von Regierung und Opposition – vorgehen, hat uns dabei auch noch Spaß gemacht. Funktioniert hat das, weil wir für die unterschiedlichen Rollen und Zwänge Verständnis hatten und vertraulich blieb, was vertraulich bleiben sollte. So wichtig das außerparlamentarische Standbein, die Verbände und Projekte, war, das Pflichtbetätigungsfeld der damaligen Überparteilichen Fraueninitiative, war die Politik des Berliner Abgeordnetenhauses. Last but not least war die Sympathie untereinander, der Respekt für die politische Anstrengung und Leistung der jeweils Anderen – bei allen politischen Unterschieden – für mich auch eine Motivation vor nun mittlerweile 20 Jahren die Überparteiliche Fraueninitiative mit zu gründen.

 

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