

basierend auf einem Papier von Christiane Klingspor, Leiterin des Berliner Lernhauses und Koordinatorin im Gesamt-Lernhausprojekt, mit Ergänzungen von
Uta Denzin – v. Broich-Oppert, Vorstandsmitglied der Überparteilichen Fraueninitiative
Stand: Dezember 2008
In dem vom Bundesministerium für Familie Senioren, Frauen und Jugend geförderten Modellprojekt qualifizierten sich Frauen in drei Lernhäusern im Verlauf eines zweijährigen Programms (2006 – 2008) zu Kulturmittlerinnen. Träger des Berliner Lernhauses war die Überparteiliche Fraueninitiative Berlin – Stadt der Frauen. In Frankfurt a.M. hatte berami e.V. und in Köln die Caritas die Trägerschaft.
In einer durch Einwanderung und Globalisierung geprägten Gesellschaft stehen sich unterschiedliche Kulturen längst nicht mehr als klar voneinander abgegrenzte Entitäten gegenüber. Im alltäglichen Leben wie in der Biographie von Individuen kommt es zu zahlreichen Berührungen, zu Austauschprozessen und Überschneidungen. Im realen Zusammenleben werden die Grenzen zwischen den Kulturen durchlässig, Transkulturalität entsteht. Um diese Prozesse produktiv zu gestalten, benötigt die Gesellschaft Menschen, die in der Lage sind, in einem breiten Spektrum gesellschaftlicher Einsatzbereiche den interkulturellen Austausch zu fördern, Dialogprozesse in Gang setzen und zwischen Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen, politischen und religiösen Überzeugungen zu vermitteln. Hierzu möchte das Lernhaus mit dem Qualifikationsprofil der Kulturmittlerin einen Beitrag leisten.
Das Lernhaus-Konzept
Das Lernhauskonzept verbindet unterschiedliche Politikbereiche und versteht sich als ein Beitrag zur Integrationspolitik, zum Aufbau der Zivilgesellschaft und zur Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe und Gestaltungsmacht von Frauen. Es begreift die Gestaltung des Zusammenlebens in der multikulturellen Gesellschaft als gesamtgesellschaftliche Zukunftsaufgabe, die nur als aktiver, gemeinsamer Prozess aller gesellschaftlichen Kräfte erfolgreich bewältigt werden kann.
Zu diesem Prozess möchte es durch die Entwicklung eines Qualifikationsprofils beitragen, das es ermöglicht, an vielen Stellen zwischen den Kulturen zu vermitteln, zu übersetzen und den interkulturellen Austausch in Gang zu bringen.
Kennzeichnend für die Lernhausidee / das Lernhauskonzept sind:
Im „Lernhaus“ ist die Dichotomie von Lehrenden und Lernenden zugunsten eines wechselseitigen Prozesses aufgehoben. Nicht das überlegene Wissen einiger soll hier weitergegeben werden, sondern die Unterschiedlichkeit von Religionen, Weltanschauungen und Lebensentwürfen soll genutzt werden, um den Horizont aller Beteiligten zu erweitern.
Das Qualifikationsprofil
Bei der Entwicklung des Qualifizierungskonzepts, das diesem Profil und der Lernhausidee von kultureller Vielfalt als gesellschaftlicher Bereicherung, der Förderung einer Grundhaltung der Wertschätzung und des radikalen Respekts sowie einem partizipativen, wechselseitigen Lernprozess gerecht wird, wurden aktuelle Entwicklungen im Bildungsbereich einbezogen:
Es musste eine Balance zwischen einer vergleichbaren Struktur des Lernprozesses und den zentralen Modulen einerseits und den differenzierten, partizipativen Lernprozessen der Lernhausgruppen andererseits gefunden werden. Für die Übertragbarkeit des Modellprojekts hat dieses Verfahren des Qualifizierungsprozesses den großen Vorteil, dass Struktur und vorgegebe Module den vergleichbaren Qualitätsstandard sichern, dass aber genügend Gestaltungsraum gelassen ist, für die unterschiedlichen Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen bzw. Anforderungen von Kommunen und Institutionen als potentiellen Trägern von Lernhäusern.
Zeitstruktur und Entgelte
Im Modellprojekt umfasste der Qualifizierungsprozess 250 Zeitstunden verteilt über zwei Jahre, vorzugsweise an Nachmittagen/Abenden und Wochenenden außerhalb der Schulferien.
Die Teilnehmerinnen brauchten keine Entgelte zu zahlen.
Die Zusammenstellung der Lernhausgruppen
Ein wesentlicher Schlüssel des Erfolgs des Lernhausmodellprojekts – und auch ein Alleinstellungsmerkmal – beruht auf der Idee der Vielfalt als Ressource. Eingeladen, sich am Lernhaus-Modellprojekt zu beteiligen, waren Frauen mit und ohne Migrationshintergrund, mit unterschiedlichen religiösen oder ohne religiöse Überzeugungen, Frauen aller Generationen, Frauen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen und Lebensentwürfen, berufstätige und nicht berufstätige Frauen. Die Lernhausgruppen zeichneten sich entsprechend durch eine enorme Vielfalt aus. Das hatte äußerst positive Auswirkungen auf die Atmosphäre und den gemeinsamen Lernprozess in den Lernhäusern. „Wenn alle anders sind“ – wie eine Teilnehmerin sagte – wird von vornherein die Achtsamkeit für Differenzen geweckt, geraten Stereotypen und feste Vorurteile ins Wanken, steht die Zweiteilung Migrantinnen und „Einheimische“ nicht im Vordergrund, werden nicht Migrantinnen und Migranten gleichsam “eindimensional“ in die Gesellschaft integriert, sondern alle gemeinsam versuchen mit Unterschiedlichkeit umzugehen und sie als gesellschaftlichen, kulturellen Reichtum zu begreifen.
Vorausgesetzt für die Aufnahme in das Lernhaus wurde die Bereitschaft, sich aktiv an dem Lernprozess über zwei Jahre zu beteiligen und eine grundsätzliche Bereitschaft zum gesellschaftlichen (ehrenamtlichen) Engagement.
Partizipation und Lernen voneinander
Die Lernhausidee geht von einem Lernprozess aus, in dem die Vielfalt genutzt wird, um den Horizont aller zu bereichern; Lernen wird als wechselseitiger Prozess begriffen, in den alle etwas einbringen. Die Lernprozesse wurden durchgehend und kontinuierlich von einer fachlichen Koordinatorin begleitet und moderiert; Mittel für zusätzliche Referent/inn/en standen zur Verfügung. Gemeinsam wurden in den weit gefassten Modulen thematische Schwerpunkte gesetzt, entschieden, welche Bereiche eher im Überblick, welche vertieft behandelt werden sollten. So weit wie möglich haben die Lernhaus-Teilnehmerinnen im Zuge des Qualifikationsprozesses selber Themen ausgearbeitet und Veranstaltungen mit organisiert. Insgesamt wurde so die Dichotomie zwischen Lehrenden und Lernenden zugunsten eines wechselseitigen Prozesses aufgehoben – auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal des Lernhauses.
Die Elemente des Qualifizierungsprogramms
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal des Lernhauses ist die Kombination von curricularen Modulen, Workshops und regelmäßigen Treffen der Lerngruppen. Religiös-kulturelles Basiswissen (Basics), Methodenkompetenz (Skills) und Vernetzung (Net&Practice) - stellen eine Mischung aus Wissens-, Anwendungs- und Umsetzungsorientierten Lernbereichen dar, die alle aufeinander bezogen sind.
Anders als viele andere Qualifikationen haben sich die Lernhäuser schon während des zweijährigen Qualifizierungsprozesses für die Kommunen geöffnet. Dazu dienen insbesondere die Workshops und der Bereich Net&Practice. Als interkulturell relevante Praxisfelder wurden von den Lernhäusern z.B. Kindertagesstätten, Schulen, Krankenhäuser, Pflegedienste, Hospize „in den Blick gefasst“; zum Teil wurden hier Kontakte geknüpft und Erfahrungen gesammelt, Anregungen für eine Verbesserung der interkulturellen Kommunikation ausgearbeitet.
Und anders als in vielen anderen Qualifikationen konnte einiges des Erfahrenen und Gelernten von den Lernhaus-Teilnehmerinnen schon während der zwei Jahre umgesetzt werden. Die gemeinsame Vorbreitung der Workshops ist auch dafür ein Beispiel. Beispiele sind ferner Berichte von Teilnehmerinnen, dass etwa die Beachtung von Dialogregeln in ihren Engagements- und Arbeitsfeldern Kommunikationsprozesse verbessert und Konflikte entschärft haben. Diese Praxisrelevanz erklärt, dass viele Absolventinnen der Lernhäuser mit großem Selbstbewusstsein schon weiter gehende Projekte gestartet haben.
Ein zentrales Moment der aktuellen europäischen Bildungskonzepte sind die Vorschläge, Kompetenzen künftig unabhängig vom Lernort anzuerkennen. Diese Konzentration auf tatsächlich erworbene Kompetenzen (und nicht einseitig auf formale Abschlüsse) und der weit gefasste Kompetenzbegriff, der auch persönliche und soziale Kompetenzen einschließt, sind vor allem für Frauen wichtig, deren außerhalb von und zusätzlich zu formalen Abschlüssen erworbenen Kompetenzen oft nicht angemessen gewürdigt werden
Bestimmte, formal erworbene Bildungsabschlüsse waren konsequenterweise keine Voraussetzung für den Zugang zum Lernhaus; die formalen Abschlüsse der Teilnehmerinnen im Modellprojekt reichten dann auch vom Hauptschul- bis zum Hochschulabschluss.
Im Lernhaus-Modellprojekt galt die aktive Beteiligung an wenigstens 80% der vorgesehenen 250 Zeitstunden als Nachweis des erfolgreichen Abschlusses. Der Lernprozess war so konzipiert – u.a. Arbeit in kleinen Gruppen, kontinuierliche Lehrgangsbegleitung, Abstimmungsverfahren über Themenschwerpunkte, Erwartungen an die Mitarbeit bei Impulsreferaten, Moderationen und der Vorbereitung von Veranstaltungen, Berichte über die Umsetzung des Gelernten in den vielfältigen beruflichen und außerberuflichen Engagementsfeldern der Teilnehmerinnen, gemeinsame Reflektionsphasen – dass diese aktive Beteiligung auf vielfältige Weise möglich war.
Das Zertifikat der drei Lernhäuser im Modellprojekt bescheinigt den erfolgreichen Abschluss in den für alle Lernhäuser verbindlichen Qualifikationselementen und beschreibt darüber hinaus Lernhaus spezifische Ergänzungen/Schwerpunkte. Die Zertifikate des Modellprojekts tragen auch die Unterschrift einer Vertreterin des BMFSFJ.
Die Qualifizierung im Modellprojekt Lernhaus diente entsprechend seiner Einbindung in das Gesamt-Modellprojekt „Generationsübergreifende Freiwilligendienste“ in erster Linie der Förderung des ehrenamtlichen Engagements der Absolventinnen als Brückenbauerinnen und Kulturmittlerinnen in einer von Einwanderung und Globalisierung geprägten Gesellschaft. Und natürlich soll die Qualifizierung für das private und familiäre Leben hilfreich sein. Erste Erfahrungen zeigen aber, dass die hier erworbenen Kompetenzen auch in Berufsfeldern zur Anwendung kommen und den Absolventinnen eine erhebliche Erweiterung ihrer Berufschancen und –karrieren eröffnen.
Lernhäuser können einen wesentlichen Beitrag zur Integration leisten - im zivilgesellschaftlichen Engagement ebenso wie in beruflichen Arbeitsfeldern. Das zugrunde liegende Konzept ist durch seine vielfältigen Impulse zur Umsetzung transkultureller Entwicklungen schon während des Qualifikationsprozesses mehr als nur ein Qualifikationscurriculum. Schon während des Lernprozesses hat das Projekt vielfältige Kontakte zu Multiplikatorinnen in potentiellen Einsatzfeldern, Institutionen und Organisationen hergestellt und seine Arbeit Politikerinnen und Politikern vermittelt. Eine Verstetigung des Projekts wird von vielen Seiten befürwortet und auch vom BMFSFJ weiter unterstützt werden. Im Folgenden werden einige grundlegende Vorstellungen für die Weiterarbeit stichwortartig dargestellt.
Mögliche Einsatzfelder der Kulturmittlerinnen
Die im nationalen Integrationsplan beschriebene systematische Strategie des interkulturellen „Mainstreamings“ bezieht alle gesellschaftlichen Bereiche ein. Sie erfordert einerseits die interkulturelle Öffnung der Institutionen und damit verbunden eine entsprechende Sensibilisierung aller Akteure, andererseits die Qualifizierung von MigrantInnen für die Teilhabe an diesen Bereichen.
Das Lernhaus-Konzept des Lernens in interkulturellen Gruppen ist zur Umsetzung dieser Strategie in besonderem Ausmaß geeignet, da es beide Erfordernisse miteinander verbindet.
Als Einsatzfelder sind alle im Integrationsplan genannten Bereiche denkbar, beispielhaft hervorgehoben werden sollen hier die Bereiche:
Institution als Träger
In Berlin war die Überparteiliche Fraueninitiative Berlin – Stadt der Frauen Trägerin des Projekts. Die Trägerschaft eines solchen Modellprojekts passt gut zu einer Initiative, deren Ziel es ist, gesellschaftliche Innovationen voranzutreiben und die Interessen von Frauen über Partei- und Weltanschauungsgrenzen hinweg zu befördern. Eine Institutionalisierung und Verstetigung des Projektes jedoch ist im Rahmen eines auf ehrenamtlicher Arbeit basierenden Vereins nicht zu leisten. Die Überparteiliche Fraueninitiative möchte daher die Trägerschaft für das Projekt einer bewährten Institution übergeben.
Zur Unterstützung der Nachhaltigkeit der Lernhausidee und der Implementierung neuer Lernhäuser in der Bundesrepublikwurde im November 2008 in Frankfurt a.M. eine überregionale Tagung zum Thema: Ein Lernhaus in jeder Kommune durchgeführt. Die Tagung wurde durch das BMFSFJ finanziert, ausgerichtet durch beramí e.V. und inhaltlich ausgestaltet durch eine Kooperation der drei Lernhäuser: Lernhaus Berlin, Lernhaus Frankfurt, Lernhaus Köln.
Weitere überregionale Fachtagungen zur Unterstützung der Kommunen, die Lernhäuser aufbauen wollen, sind geplant.
Die Website des Berliner Lernhauses ist weiterhin erreichbar.
(1) Auch im Hinblick auf die Akquisition von Projekten durch die Teilnehmerinnen könnte das Lernhaus als Institution von Bedeutung sein.