Blinde Flecken

Überlegungen zu einer feministischen Analyse der globalen Wirtschaft

Saskia Sassen

Die gegenwärtige Entwicklungsphase der Weltwirtschaft zeichnet sich gegenüber den vorangegangenen Phasen durch Brüche und eine radikale Veränderung der Beziehungsgeflechte aus.1 Am deutlichsten tritt dies bei der Betrachtung des Einflusses von Globalisierung auf die räumliche Gestaltung wirtschaftlicher Aktivitäten und die Organisationen politischer Macht zu Tage. Wir beobachten eine schleichende Auflösung exklusiver Territorialität, mit der der Nationalstaat so lange in Verbindung gebracht wurde. Das strategisch wichtigste Moment in diesem Prozess ist die "Global City", die als teilweise entnationalisierte Plattform für das globale Kapital fungiert. Auf einer weniger komplexen Ebene treiben auch transnationale Konzerne und globale Finanzmärkte mit ihren grenzüberschreitenden Aktivitäten und dank entsprechender rechtlicher Rahmenbedingungen diese Entwicklung voran.

Diese ökonomischen Praktiken ebenso wie andere Praktiken im außerökonomischen Bereich und die neuen Rechtssysteme führen zu einer Aufweichung der staatlichen Souveränität. Der Staat ist nicht mehr der alleinige Inhaber der Souveränität und der sie begleitenden Normensetzung, er ist auch nicht mehr das ausschließliche Subjekt des internationalen Rechts. Andere AkteurInnen wie Nichtregierungsorganisationen (NGOs), supranationale Organisationen etc. werden immer mehr zu eigenständigen Subjekten internationalen Rechts und internationaler Beziehungen.

Für eine feministische Analyse der heutigen globalen Wirtschaft, die über die bloße Beschreibung der wirtschaftlichen Lage von Frauen und Männern in verschiedenen Ländern hinausgeht, ist die Berücksichtigung dieser Veränderungen von entscheidender Bedeutung. Das Gros der feministischen Forschung über Frauen und Wirtschaft und über Frauen und Recht nimmt den Nationalstaat als gegeben an oder benützt ihn als Bezugsrahmen für die Untersuchung der anstehenden Fragen. Und das ist durchaus ein wesentlicher und notwendiger Beitrag. Heute jedoch, angesichts der nicht zu übersehenden Auswirkungen der Globalisierung auf die Schlüsseleigenschaften des Staates - exklusive Territorialität und Souveränität -, wird es erforderlich, sie einer kritischen Analyse zu unterziehen. Ziel ist es, feministische Denkansätze zu stärken, die wichtige Aspekte der heutigen Weltwirtschaft in einer Weise neu betrachten, die die strategische Bedeutung des Geschlechts und die sich daraus ergebenden formale und empirische Chance erfasst, Frauen sichtbarer zu machen und ihre Partizipation zu stärken. Dieser Zugang unterscheidet sich auffallend vom Mainstream wissenschaftlicher Forschung zur Weltwirtschaft, die sich auf die technische und abstrakt ökonomische Dynamik konzentriert und von einer unvermeidbaren Geschlechtsneutralität ausgeht, wenn sie dieses Thema überhaupt anschneidet.

Ich hingegen möchte das analytische Terrain zur Erfassung der Weltwirtschaft erweitern und sichtbar machen, was im vorherrschenden Diskurs ausgeblendet wird. Ausgehend von meiner Arbeit über den wirtschaftlichen Globalisierungsprozess der vergangenen zwei Jahrzehnte behaupte ich, dass die meisten Studien über wirtschaftliche Globalisierung sich mit einem sehr begrenzten analytischen Instrumentarium zufrieden geben. Dieser Mainstream hat den Effekt eines "sprachlichen Ausschlussverfahrens" einer Fülle von Arbeitskräften, Firmen und Sektoren, die nicht in das vorherrschende Bild der Globalisierung passen. In diesem Sinne ist auch das Sprechen über internationale Beziehungen und ihre am meisten formalisierte Instanz, das Völkerrecht, Teil dieses Ausschlussverfahrens, indem der Staat stets als ihr exklusives Subjekt betrachtet und andere AkteurInnen und Subjekte übersehen werden. Diese beiden Vorgänge entsprechen dem männlichen Bestreben, von einer großen Zahl an Mikropraktiken und kulturellen Formen auszugehen, die nach männlichen Kriterien durchgeführt, festgelegt und legitimiert sind. Trotz der wachsenden Zahl von Frauen in hohen Positionen in der Weltwirtschaft und den internationalen Beziehungen können auf empirischer Ebene diese beiden Welten insofern als männlich angesehen werden, als jede auf ihre Weise von einer Kultur der Macht gekennzeichnet ist, die historisch mit Männern in Verbindung gebracht wird, die über Macht verfügen, oder wenigstens über ein wenig Macht.

Für die Untersuchung der Dynamik des Globalisierungsprozesses unterscheide ich zwei strategische Forschungsstandpunkte und beginne mit der Frage nach dem Wirken der Geschlechterverhältnisse. Der eine betrifft die geographische Neuorganisation der Wirtschaft, der andere die Neuorganisierung der politischen Macht. Ziel ist nicht eine umfassende Aufzählung von Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Es geht mir vielmehr darum, die Knotenpunkte für die strategische Bedeutung der Geschlechterverhältnisse und für neue Formen weiblicher Präsenz zu bestimmen. Dieses Papier ist bloß ein Anfang - eine analytische Bühne, auf der wir die Details ausbreiten, die uns die ethnographische Forschung, die Kulturkritik, soziologische Studien und Rechtsanalysen über Männer und Frauen in ihren vielfältigen jeweiligen Lebensbedingungen und subjektiven Befindlichkeiten geliefert haben.

1. Strategische Knotenpunkte der Geschlechterverhältnisse in der Weltwirtschaft

Bei der Erforschung der Geschlechterverhältnisse in der jüngsten Geschichte der wirtschaftlichen Internationalisierung erkennen wir zwei ältere Phasen, die sich beide mit langfristigen Prozessen befassen und noch heute weiterwirken, und eine dritte Phase, die sich auf die jüngsten Veränderungen bezieht und häufig eine Beschreibung der Kategorien und Ergebnisse der beiden vorangegangenen Phasen enthält. Der Forschung und Theoriebildung in den ersten beiden Phasen ging es in erster Linie um das Aufzeigen der Rolle der Frauen und um die Herstellung eines Ausgleichs zu dem einseitigen und grundsätzlich nie erläuterten männlichen Blick in der Forschung zu den Prozessen der Weltwirtschaft.

Die erste Phase umfasst vor allem entwicklungssoziologische Literatur über die Einführung von schnell vermarktbaren landwirtschaftlichen Produkten und von Lohnarbeit, was in der Regel durch ausländische Konzerne erfolgte. Die feministische Forschung hat zur Sprache gebracht, dass ein Gutteil dieser Produktion nur deshalb möglich ist, weil Frauen durch ihre Tätigkeit im Haushalt und in der Subsistenzwirtschaft die Lohnarbeit ihrer Männer unterstützen. Boserup (1970), Deere (1976) und viele andere haben dazu eine reichhaltige Literatur geliefert, die aufgezeigt, wie der Subsistenzsektor und die modernen kapitalistischen Konzerne miteinander verknüpft sind, dieses Zusammenwirken aber aufgrund einer spezifischen Geschlechterdynamik verschleiert bleibt. Es ist die "unsichtbare" Arbeit der Frauen bei der Produktion von Nahrung und anderen Lebensnotwendigkeiten in der Subsistenzwirtschaft, die zur Beibehaltung extrem niedriger Löhne auf den Plantagen und im Bergbau beitragen und auf diese Weise die "Modernisierung" dieses Typs von wirtschaftlicher Aktivität vorantreiben. Der Subsistenzsektor galt, wenn überhaupt, in der gängigen Wirtschaftsanalyse als lästiges Anhängsel des modernen Sektors.

Feministische Analysen haben die Dynamik dieses Modernisierungsprozesses und seine Abhängigkeit vom Subsistenzsektor aufgezeigt. In einer zweiten Phase wurden Studien über die Internationalisierung der industriellen Produktion und die damit verbundene Feminisierung des Proletariats erstellt (Lim 1980; Fernandez Kelly 1982; Safa 1995; Sassen 1988): Unter dem Druck von Billigimporten kam es zur Auslagerung von Industriearbeitsplätzen, wodurch in den ärmeren Ländern unverhältnismäßig viele weibliche Arbeitskräfte mobilisiert wurden, die bis dahin noch außerhalb der industriellen Produktion standen. Dabei wurden auch Aspekte der nationalen Wirtschaft berührt. Es wurde zum Beispiel untersucht, weshalb Frauen - unabhängig vom Entwicklungsgrad des Landes - vor allem in bestimmten Industriebereichen wie Bekleidung und Montage von elektronischen Geräten arbeiten (siehe Milkman 1980; Beneria und Stimpson 1987).

Eine dritte Phase der Forschung über Frauen in der globalen Wirtschaft hat gerade begonnen. Sie beschäftigt sich mit der Transformation der Geschlechterverhältnisse, der Subjektivität von Frauen und ihren Vorstellungen von Zugehörigkeit. Dazu gibt es eine vielfältige Literatur. Zu den wichtigsten und vielversprechendsten gehört die neue feministische Forschung von Migrantinnen, die sich beispielsweise mit der Frage befasst, wie Migration Geschlechterrollen verändert und wie die Bildung transnationaler Haushalte Frauen stärken kann (z.B. Castro 1986; Grasmuck und Pessar 1991; Boyd 1989; Morokvasic 1989; Hondagneu-Sotelo 1994). Ein wichtiger neuer Forschungsansatz betrachtet den Haushalt als eine analytische Schlüsselkategorie zur Erklärung globaler Wirtschaftsprozesse (z.B. Smith und Wallerstein 1992), grenzüberschreitender Solidarität, der Erfahrung von Zugehörigkeit und der Herausbildung von Identität (z.B. Basch et. Al. 1994; Soysal 1994; Eisenstein 1998; siehe aber auch Ong 1998).

Die meisten Untersuchungen zu den Geschlechterverhältnissen in der gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung tendieren dazu, mit detaillierten statistischen Berichten über Frauen oder über den Vergleich zwischen Frauen und Männern zu beginnen. Ich möchte mit den strategischen Veränderungen beginnen, von der die gegenwärtige Phase gekennzeichnet ist. Beide Ansätze sind notwendig. Meine Position gründet in der Auffassung, dass die gegenwärtige Entwicklungsphase der Weltwirtschaft durch einen grundlegenden Wandel und durch eine neue Konstellation von Dynamiken geprägt ist, die von strategischer Bedeutung sind, d.h. sie sind wichtig, ohne dass damit gleich sämtliche Prozesse gemeint sind. Exportorientierte Produktion zum Beispiel bewirkt eine solche Dynamik, eine Aussage, die dennoch keineswegs auf die Mehrheit der industriellen Arbeitsplätze zutrifft; das Geschlecht stellt in dieser Entwicklung einen strategischen Knotenpunkt dar.

Mein Ansatz konstruiert auf theoretischer und empirischer Ebene gewissermaßen "die Differenz" der gegenwärtige Phase. Es geht dabei nicht darum, die Kontinuitäten zu leugnen, sondern um ein Verständnis dessen, was sich unterschiedet.2 Damit soll erfasst werden, inwieweit die Geschlechterfrage bei diesen neuen strategischen Dynamiken und Transformationen eine Rolle spielt, und wenn ja, wie eine feministische Analyse aussehen sollte. Ich verhalte mich zu dieser Fragestellung wie zu einem mathematischen Problem, bei dem ich sicher bin, dass es eine Lösung gibt, die aber nicht von vornherein feststeht. Die theoretischen, empirischen und politischen Probleme würden bagatellisiert, wenn man sie auf Lohndiskriminierungen und geschlechtsspezifische Beschäftigungsverhältnisse reduzieren wollte.

Eine methodisch wichtige Frage ist die nach den strategischen Orten oder Knotenpunkten, an denen die Globalisierungsprozesse am besten untersucht werden können. In der exportorientierten Landwirtschaft ist es der Punkt, an dem Subsistenzwirtschaft und kapitalistische Unternehmen aufeinandertreffen; bei der internationalisierten Industrieproduktion ist es der Schnittpunkt zwischen einer im Niedergang befindlichen großteils männlichen "Arbeiteraristokratie" in den wesentlichen Industriezweigen und der Entstehung eines neuen ausgelagerten und großteils weiblichen Proletariats in neuen und alten Wachstumsbranchen. Auslagerung und Feminisierung des Proletariats haben die Herausbildung einer "Arbeiteraristokratie" mit gewerkschaftlicher Macht verhindert und verhindern auch die Stärkung bereits existierender großteils männlicher "Arbeiteraristokratien".

Wo befinden sich die strategischen Knotenpunkte der wichtigsten Prozesse der heutigen Globalisierung? Wenige davon sich wahrscheinlich so zentral wie die "Global Cities" - strategisch wichtige Orte für die Kapitalverteilung zentraler Branchen und für die Koordination globaler Wirtschaftsprozesse. Gleichzeitig erbringen in diesen Global Cities auch eine große Zahl an Frauen und Immigranten Dienstleistungen für diese strategischen Sektoren. Durch die Art und Weise ihrer Einbeziehung werden diese Arbeitskräfte jedoch unsichtbar gemacht, so dass sie zwar in einem führenden Sektor arbeiten, aber keine Chance haben, wie historisch in den Industrieländern der Fall, zu einer "Arbeiteraristokratie" oder ihrem heutigen Äquivalent zu werden.3 In diesem Sinne stellen "Frauen und Immigranten" ein systemisches Äquivalent zum ausgelagerten Proletariat dar. (Siehe Sassen 1988, insb. in den Kapiteln 2 und 6).

2. Ein anderer Blick auf die Globalisierung 4

In der gängigen Darstellung der Globalisierungsprozesse, ob in den Medien, in der politischen Debatte oder in wissenschaftlichen Analysen, werden vor allem die Hypermobilität, die Rolle globaler Kommunikationsmittel und die Neutralisierung von Ort und Entfernung betont. Die Schlüsselkonzepte dieses Ansatzes - Globalisierung, Informationsgesellschaft und Telekommunikation - weisen alle darauf hin, dass der Ort keine Rolle mehr spielt und die einzige Art von Arbeitskraft, die heute noch gefragt ist, der hochgebildete "Professional" ist. Dabei wird der Fähigkeit zur globalen Kommunikation mehr Bedeutung eingeräumt als der materiellen Infrastruktur, die diese Kommunikation ermöglicht; der Informationsfluss ist mehr wert als die Arbeitskräfte, die diesen Fluss vom Spezialisten zur Sekretärin ermöglichen; und die neue transnationale Konzernkultur ist mehr wert als die Vielfalt von Arbeitskulturen, einschließlich die der ImmigrantInnen, in der viele der "anderen" Arbeiten der globalen Informationsökonomie verrichtet werden. Kurzum, der herrschende Ansatz befasst sich mit den oberen und nicht mit den unteren Schichten des Kapitals, mit der Hypermobilität des Kapitals und nicht mit dem ortsgebundenen Kapital. Massive Trends zur räumlichen Dezentralisierung ökonomischer Transaktionen auf der Ebene der Metropolen und auf nationaler und globaler Ebene stellen nur die Hälfte dessen dar, was wirklich vor sich geht. Der gut dokumentierten räumlichen Dezentralisierung ökonomischer Aktivitäten stehen neue Formen territorialer Zentralisierung des Top-Managements und der Kontrolltätigkeiten gegenüber. Nationale und globale Märkte ebenso wie global integrierte Tätigkeiten sind auf räumliche Zentren angewiesen, wo die Arbeit der Globalisierung produziert wird. Die Informationsindustrien benötigen weiter eine gigantische physische Infrastruktur, die strategische Knotenpunkte mit einer Hyperkonzentration technischer Einrichtungen enthält. Schließlich liegt auch den fortgeschrittensten Informationsindustrien ein Produktionsprozess zugrunde. Sobald wir unseren Blick auf diesen Produktionsprozess lenken, sehen wir, dass Sekretärinnen ebenso dazugehören wie das Reinigungspersonal, das die Gebäude putzt, in denen die hochqualifizierten "Professionals" ihre Arbeit verrichten. Plötzlich haben wir es nicht mehr allein mit einer Informationsgesellschaft zu tun, sondern mit materiellen Bedingungen, mit Produktionsstätten und örtlicher Bindung, die von Globalisierung und Informationsökonomie nicht wegzudenken sind.

In der Mainstream-Forschung herrscht die Tendenz vor, die Existenz eines globalen Wirtschaftssystems als gegeben anzunehmen, als eine Funktion der Macht transnationaler Konzerne und globaler Kommunikation. Aber die Voraussetzungen für globales Handeln, Koordination und Kontrolle, die in den neuen Informationstechnologien und in der Macht transnationaler Konzerne enthalten sind, müssen erst produziert werden. Indem wir unseren Blick auf die Produktion dieser Voraussetzungen lenken, fügen wir der vertrauten Sichtweise von der Macht der Großkonzerne und der neuen Technologien eine vernachlässigte Dimension hinzu: die Arbeit der Produktion und Reproduktion der Organisation und des Managements eines globalen Produktionssystems und eines globalen Marktplatzes für den Finanzsektor, die beide den Bedingungen ökonomischer Konzentration unterworfen sind. Konzentriert man sich auf die Praktiken, dann spielen Ort und Arbeitsprozess wieder eine wichtigere Rolle, Kategorien, die bei der Analyse der Hypermobilität des Kapitals und der Macht transnationaler Konzerne gern übersehen werden. Dies bedeutet nicht, dass Hypermobilität und Macht irrelevant sind, aber es wird deutlich, dass nicht alle für die globale Wirtschaft wichtigen Ressourcen hypermobil sind, sondern im Gegenteil in hohem Masse ortsgebunden, namentlich Orte wie Global Cities und Produktionszonen für den Export. Auch globale Prozesse sind lokalen Restriktionen unterworfen, darunter der Zusammensetzung der Arbeitskräfte, der Arbeitskultur, der politischen Kultur und anderen Prozessen innerhalb der Nationalstaaten.

Übersehen wir nicht die Geographie der Orte, die an der Globalisierung beteiligt sind, dann erkennen wir Menschen, Arbeitskräfte, Communities und neben der Konzernkultur viele verschiedene Arbeitskulturen, die alle Anteil haben am Prozess der Globalisierung.5 Die globale Stadt bietet sich als ein strategischer Forschungsknotenpunkt zum Studium dieser Prozesse an. Diese Art von Stadt ist eine Struktur, die zur Differenzierung von Kultur und von den vielen Formen der Lokalisierung globaler Prozesse beiträgt. (Siehe auch Dunn 1994; Social Justice 1993; Holston 1996; Futur Anterieur 1996; Friedmann 1995; Peraldi und Perrin 1996).

Eines meiner zentralen Arbeitsanliegen ist die Betrachtung der Städte als Produktionsstätten für die führenden Informationsindustrien unserer Zeit und die Aufdeckung von Tätigkeiten, Firmen und Jobs, die für die Leitung einer fortgeschritten Betriebswirtschaft erforderlich sind.6 Diese Industrien sind so konzipiert, dass der Hypermobilität ihrer Produkte und dem hohen Niveau des Fachwissens ihrer "Professionals" wesentlich mehr Bedeutung beigemessen wird als dem vorangegangenen Produktionsprozess und der erforderlichen Infrastruktur technischer Einrichtungen und unqualifizierter Arbeit, ohne die diese Industrien nicht auskommen könnten. Eine detaillierte Analyse von dienstleistungsabhängigen städtischen Wirtschaftsstrukturen macht sichtbar, dass es eine Vielfalt von Firmen, Sektoren und Arbeitskräften gibt, die den Eindruck erwecken, als hätten sie wenig zu tun mit einer vom Finanzsektor und von hochspezialisierten Dienstleistungen dominierten städtischen Wirtschaft, die aber in Wirklichkeit eine Fülle von Funktionen erfüllen, ohne die diese Wirtschaft nicht funktionieren könnte. Dies geschieht allerdings unter Bedingungen einer ausgeprägten sozialen, ökonomischen und oft auch sexuellen und rassistischen/ethnischen Segmentierung.7

In der täglichen Arbeit des führenden vom Finanzsektor dominierten Dienstleistungskomplexes werden die meisten häufig von Frauen und Immigranten verrichteten manuellen Tätigkeiten extrem schlecht bezahlt. Obwohl diese Arbeitskräfte und Tätigkeiten niemals als Teil der globalen Wirtschaft dargestellt werden, stellen sie doch einen Teil der Infrastruktur von Arbeiten, die notwendig sind, um das globale Wirtschaftssystem am Laufen zu halten, einschließlich einer so avancierten Form wie dem internationalen Finanzsektor.8 Es fällt wesentlich leichter, die oberste Spitze der Konzernwirtschaft - die Konzerntürme, in denen das technische Knowhow entwickelt wird, die Präzision, "Techne" - als für ein fortgeschrittenes Wirtschaftssystem notwendig zu etikettieren als Lkw-Fahrer und andere industrielle DienstleisterInnen, auch wenn sie eine unabdingbare Voraussetzung darstellen.9 Wir sehen hier eine Werteskala am Werk, welche die Distanz zwischen den entwerteten und den aufgewerteten, ja maßlos überbewerteten Sektoren der Wirtschaft verschärft hat.

3. Aufwertungs- und Entwertungsprozesse: ein erster Schritt zur Lokalisierung der Geschlechterverhältnisse

Neben diesen neuen globalen und regionalen Zentren befindet sich ein riesiges Territorium, das zunehmend an die Peripherie gedrängt und aus den großen Wirtschaftsprozessen ausgeschlossen wird, die als Antriebkräfte für das Wirtschaftswachstum in der neuen Weltwirtschaft gelten. Einst wichtige Industriezentren und Hafenstädte haben ihre Funktion verloren und welken dahin, nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in den allerfortgeschrittensten Industriestaaten. Ähnlich verhält es sich bei der Bewertung der Arbeitsleistung: Die Überbewertung spezialisierter Dienstleistungen und professioneller Arbeitskräfte hat viele der "anderen" Arten wirtschaftlicher Tätigkeit als redundant oder irrelevant für eine fortgeschrittene Wirtschaft abgetan.10 Die Arbeitskultur der Großkonzerne wird überbewertet, während andere Arten von Arbeitskultur unterbewertet werden.

Es gibt andere Formen dieser segmentierten Etikettierung dessen, was für die globale Ökonomie wesentlich ist und was nicht. Die Mainstream-Forschung zur Globalisierung anerkennt, dass es eine internationale professionelle Schicht von Arbeitskräften und hoch internationalisierten Geschäftswelten gibt, die sich aus der Anwesenheit ausländischer Firmen und ausländischen Personals ergeben. Nicht erkannt wird die Möglichkeit, dass wir mit einem internationalisierten Arbeitsmarkt für schlecht bezahlte manuelle und im Dienstleistungsbereich arbeitenden Arbeitskräften und mit internationalen Geschäftswelten in den Einwanderer-Communities konfrontiert sind. Diese Prozesse werden weiterhin als Einwanderung bezeichnet, eine Wortwahl, die historisch überholt ist. Es gibt also Darstellungen des Globalen und Transnationalen, die als solche nicht erkannt werden oder denen die Anerkennung verweigert wird.11

Ich gehe in meiner Arbeit von der Grundannahme aus, dass wir es über Macht dort etwas zu lernen gibt, wo sie abwesend ist, und wo wir uns auf ein Terrain begeben, wo Ohnmacht und Macht aufeinandertreffen. Macht ist keine Stille auf der unteren Ebene; ihre Abwesenheit ist anwesend und hat Konsequenzen. Begriffe und Sprache der Debatte erzwingen bestimmte Positionen und schließen andere aus. Sie umfassen die Einwanderung ebenso wie die Vielfalt der Arbeitswelten, die sie in die großen Städte bringt, Arbeitswelten, die oft mit den Begriffen ethnische Wirtschaft und Schattenwirtschaft zusammengefasst werden (siehe z.B. King 1996). Viel von dem, was wir sprachlich immer noch mit den Begriffen Einwanderung und Ethnizität fassen, sind meiner Meinung nach Prozesse, die zu tun haben mit a) der Globalisierung wirtschaftlicher und kultureller Aktivitäten und der Identitätsbildung; und b) der zunehmend ausgeprägten Ethnisierung der Arbeitsmarktsegmentierung, so dass die Komponenten des Produktionsprozesses in der fortgeschrittenen globalen Informationsökonomie, die unter Immigranten stattfinden, nicht als Teil dieser globalen Informationsökonomie gesehen werden. Immigration und Ethnizität werden als das Andere konstituiert. Wenn man sie als Prozesse begreift, in denen die globalen Elemente lokalisiert, internationale Arbeitsmärkte geschaffen und Kulturen von überall her de- und reterritorialisiert werden, dann rücken sie zusammen mit der Internationalisierung des Kapitals als Grundlage für Globalisierung mitten ins Zentrum.12

Wir sehen hier eine Verwertungsdynamik am Werk, die bestimmte Outputs, Tätigkeiten, Firmen und Sektoren aufwertet und überbewertet, während andere entwertet werden. Erleichtern die Geschlechterverhältnisse, also die Entwertung von sogenannt weiblichen Tätigkeiten, diesen Entwertungsprozess? Wir können Entwertung nicht als gegeben annehmen, sie wird künstlich erzeugt. Aus meiner Sicht ist die Entwertung von mir beschriebener Tätigkeiten und Arbeitskulturen eingebettet in den demografischen Transformationsprozess, der sich in den großen Städten vollzieht. Die wachsende Anwesenheit von Frauen, Immigranten und Menschen aus dem Süden in den großen Städten haben zusammen mit dem Abstieg der Mittelschicht den Entwertungsprozess beschleunigt. Das ist insofern signifikant als diese Städte strategische Orte für die Materialisierung globaler Prozesse und für die Bewertung des Konzernkapitals darstellen.13 In der oben beschriebenen Lage der Frauen lässt sich bis zu einem gewissen Grad ein Zusammenwirken der beiden Dynamiken beobachten. Einerseits stellen sie eine unsichtbare und machtlosen Klasse von Arbeitskräften dar, die im Dienst strategischer Sektoren der globalen Weltwirtschaft stehen. Diese Unsichtbarkeit verhindert, dass sie zu einer Art "ArbeiterInnenaristokratie" werden, wie dies früher der Fall war, wenn die Arbeitskräfte in führenden Wirtschaftssektoren über eine gewisse Macht verfügten - eine Dynamik, die sich von der heutigen Situation radikal unterscheidet. (Siehe in Sassen 1988, wie dieser Prozess sich bei der Auslagerung führender Sektoren wie etwa des Elektroniksektors [Kapitel 2] und in den USA [Kapitel 6] ausgewirkt hat). Andererseits verändert sich mit dem Zugang zu eigenem Einkommen (auch wenn es niedrig ist), mit der Feminisierung des Arbeitsplatzangebots und mit der durch die Informalisierung wachsenden Feminisierung von Geschäftsmöglichkeiten das gesamte Gefüge der bisherigen Geschlechterhierarchie. (Hartman 1987; Kessler-Harris und Sacks 1987).

Dies trifft insbesondere auf Immigrantinnen zu. Eine reichhaltige Literatur belegt, dass regelmäßige Lohnarbeit und besserer Zugang zu weiten Bereichen des öffentlichen Lebens sich auch auf die Geschlechterbeziehungen von ImmigrantInnen auswirken. (Grasmuck und Pessar 1991; Castro 1987; Hondagneu-Sotelo 1994; Kibria 1993; Boyd 1989; Lamphere 1987; Foner 1986; siehe aber auch Prieto 1992; Fernandez Kelly und Garcia 1992). Frauen erreichen mehr persönliche Autonomie und Unabhängigkeit, während Männer an Boden verlieren. (Bezüglich Frauen im allgemeinen siehe Hartman 1987; Kessler-Harris und Sacks 1987; Beneria und Stimpson 1987). Frauen gewinnen mehr Kontrolle über das Haushaltsbudget und andere innerhäusliche Entscheidungsbereiche und können Männer eher zur Mitarbeit im Haushalt veranlassen. Ihr Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen und anderen staatlichen Ressourcen eröffnet den Frauen die Möglichkeit, an der übrigen Gesellschaft teilzunehmen; oft sind sie in ihrer Familie die Vermittlerinnen in diesem Integrationsprozess. Vermutlich profitieren aber manche Frauen mehr von diesen veränderten Lebensumständen als andere; die Einflüsse von Klasse, Bildung und Einkommen auf diese geschlechtsspezifischen Muster wären noch genauer zu erforschen.14

Lohnarbeit führt aber nicht nur zu einer relativ besseren Position von Frauen in der Familie, sie hat auch noch eine andere wichtige Folge: die größere Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben und die Möglichkeit, dieses mitzugestalten. Immigrantinnen sind vor allem in zwei Bereichen aktiv: in öffentlichen und privaten sozialen Institutionen und innerhalb ihrer jeweiligen ethnischen Community. Die Beteiligung von Frauen am Migrationsprozess erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Familie langfristig im Einwanderungsland niederlässt (Georges 1990; Castro 1986) und verstärkt insgesamt die Aktivität von Immigranten in der eigenen Community ebenso wie gegenüber dem Staat. Hondagneu-Sotelo (1995) hat zum Beispiel aufgezeigt, dass die größere Aktivität von Immigrantinnen im öffentlichen und sozialen Leben auch ihre Stellung im eigenen Haushalt und im Integrationsprozess verbessert. (Siehe auch Kibria 1993). Frauen sind aktiver im Gemeinschaftsleben und bei sozialen Tätigkeiten und sehen die übrige Wirtschaft und den Staat anders als Männer. Sie sind auch häufiger diejenigen, die sich auf der Suche nach öffentlichen und sozialen Diensten für ihre Familie mit der unsicheren Gesetzeslage herumschlagen müssen (Mahler 1995; Susser 1982; Hondagneu-Sotelo 1994). Diese größere Partizipation von Frauen legt die Vermutung nahe, dass sie zu stärkeren Akteurinnen werden können und vielleicht auch ihre Rolle auf dem Arbeitsmarkt in Zukunft besser sichtbar wird.15

4. Die Aufweichung staatlicher Souveränität und ihre Bedeutung für eine feministische Analyse

Mit der Aufweichung der Territorialität, wie sie im oben beschriebenen Aufstieg der Global Cities zum Ausdruck kommt, verändert sich auch die staatliche Souveränität. Einzelne Komponenten dieser Souveränität werden auf supranationale Institutionen, auf NGOs oder auf private Einrichtungen übertragen. Damit werden neue Subjekte des Völkerrechts und neue Akteure in den internationalen Beziehungen potentiell gestärkt. So sind beispielsweise auf internationalen Foren vermehrt auch die Stimmen von NGOs und Minderheiten zu hören (Henkin 1990; Daes 1993; Kennedy 1992; Knop 1992; Soysal 1994). Auch die Konzepte von Zugehörigkeit zu einer staatlichen Gemeinschaft verändern sich (Soysal 1994; Bauböck 1994). Beides kann den Aufstieg von Frauen zu Subjekten des Völkerrechts und die Herausbildung grenzüberschreitender feministischer Solidarität erleichtern. Diese Möglichkeiten wurden in den kritischen Analysen zum Thema Souveränität bisher noch kaum berücksichtigt (McDougal und Reisman 1980; Franck 1992; Ruggie 1993; Rosenau 1992), obwohl es eine wachsende Zahl feministischer Studien zu internationalem Recht (z.B. Peterson 1992) gibt. Hilary Charlesworth zufolge "fand die erste Konferenz, die sich der feministischen Kritik am Völkerrecht widmete, im August 1990 an der Australian National University State" (Reconceiving Reality, S.1). Bei einem 1993 gehaltenen Vortrag, in dem sie zu erklären versuchte, warum die feministische Analyse sich so lange Zeit gelassen hat, nennt sie eine Reihe von Gründen: die Tatsache, dass es im Bereich des Völkerrechts sehr wenige Wissenschaftlerinnen und Praktikerinnen gibt; die Abstraktion der Konzepte und Subjekte, die sich scheinbar nicht direkt auf das Leben von Frauen auswirken; die Bedeutung, die in den Diskursen zum modernen Völkerrecht ethnischen, kulturellen und nationalen Unterschieden beigemessen wird und deshalb eine mögliche Zurückhaltung, wenn es darum geht, auch noch eine weitere Variable, das Geschlecht, in die Diskussion einzubringen; die allgemein positivistische oder realistische Ausrichtung der Völkerrechtstheorie, die mit feministischen Fragestellungen wenig anfangen kann (Ibid. S.2). Und schließlich ist das Völkerrecht, das sich mit der sogenannten "realen Entscheidungsmacht" befasst, noch fest in männlicher Hand.

Zwar gibt es eine wachsende Zahl feministischer Studien zu internationalem Recht, doch klammern diese das Problem der Souveränität und ihres Transformationsprozesses weitgehend aus. Sie wollen einerseits zwischen den Staaten eine Ethik der Fürsorge einführen (z.B. Gunning 1991), andererseits kritisieren sie das Prinzip der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten, weil damit insbesondere Frauen Misshandlungen und Ungerechtigkeiten überlassen werden (Charlesworth 1992; Elshtain 1991; Engle 1992). Mit diesen Ansätzen wird die Kritik an liberaldemokratischen Normen, die die Beziehung zwischen Individuum und Staat einerseits und die Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum andererseits festschreiben, auf die Ebene der zwischenstaatlichen Beziehungen übertragen. In der klassischen liberalen Tradition greift der Staat nicht in die Familie ein (Pateman 1983); dem entspricht, dass sich nach dem Völkerrecht Staaten nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen. Die feministische Gegenposition dazu lautet, dass der Staat sowohl in die Familie als auch in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten eingreifen sollte, wenn Missbräuche stattfinden (Elshtain 1991; Charlesworth 1992; et al. 1991; Chinkin 1992; Gardam 1992).16 "Ein feministischer Zugang zum Völkerrecht könnte als ein Versuch gewertet werden, ihre normativen Konstrukte zu personalisieren und zu personifizieren" (Knop 1993:294).17 Elshtains (1991) souveräner Staat/souveränes Selbst - das eine Personifizierung des Staates bewirkt -, führt uns vor, dass das Völkerrecht männlich ist. Elshtain demonstriert, wie wichtig es ist, einen neuen Souveränitätsdiskurs zu initiieren, "der uns ermöglichen würde, unkritische Annahmen über Souveränität zu hinterfragen, anstatt sie als Problem darzustellen und zu versuchen, das Konzept ganz zu beseitigen" (supra note 13, S. 1355). Mit dieser spezifischen Herangehensweise blendet die feministische Kritik am Völkerrecht die Frage der Souveränität aus und sieht darum nicht, dass deren Aufweichung Handlungsspielräume für neue AkteurInnen in grenzüberschreitenden Beziehungen und für neue völkerrechtliche Subjekte eröffnet. Knop (1993) merkt in ihrer kritischen Übersicht über feministische Studien zum internationalen Recht an, dass die Personifizierung des Staates dazu führt, Frauen ihre individuelle und kollektive Identität in einem Staat und zwischen Staaten zu verweigern; Frauen werden auf den Bereich eines vorgegebenen Staates reduziert und für das Völkerrecht unsichtbar gemacht, weil sie unter die Souveränität eines Staates subsumiert werden. Ihr zentrales Argument ist, dass wir eine kritische Analyse von Souveränität und der Annahme benötigen, diese beziehe sich ausschließlich auf den Staat. Elshtain merkt an, dass das Geschlecht in der neueren Kritik von Souveränität nicht vorkommt, obwohl diese Arbeiten uns auf "die laufenden Folgen einer bestimmten Konfiguration (Inländer/Ausländer; vertraut/fremd; innerhalb eines Gemeinwesens/außerhalb eines Gemeinwesens) aufmerksam machen"; sie gehen nicht weit genug.

Der Einfluss der Globalisierung auf die Souveränität hat nach meiner Einschätzung wesentlich zur Schaffung neuer Spielräume für die Partizipation anderer Akteure und Subjekte beigetragen (Siehe Sassen 1996). Feministische Ansätze, die den Staat personifizieren, vernachlässigen die Souveränität; der Staat bleibt weiterhin das ausschließliche Subjekt internationalen Rechts. Damit soll die Bedeutung der Kritik dieser feministischen Forschung nicht geschmälert werden. Wenn es aber um die Kritik des Völkerrechts geht, bedeutet das Auslassen der Frage von Souveränität und ihre Beibehaltung innerhalb der Grenzen des Nationalstaats einen Rückfall in Etatismus - die Legitimität des Staates als ein Subjekt des Völkerrechts unabhängig davon, wie repräsentativ er für den Volkswillen ist oder noch grundsätzlicher wie rigoros er die Regeln der demokratischen Repräsentation einhält (siehe auch Franck 1992).

Warum ist es von Bedeutung, dass wir heute eine feministische Kritik von Souveränität im Kontext der Globalisierung entwickeln? Weil die Globalisierung neue Spielräume für die Partizipation nichtstaatlicher Akteure und Subjekte eröffnet. Wenn der souveräne Staat nicht mehr als alleiniger Vertreter seiner Bevölkerung auf dem internationalen Parkett angesehen wird, haben auch Frauen mehr Chancen, auf der internationalen Bühne vertreten zu sein; sie können zur Schaffung völkerrechtlicher Normen beitragen und älteren Formen ihrer internationalen Beteiligung, wie etwa ihre Mitwirkung an internationalen Friedensbemühungen, einen neuen Sinn geben.18 Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Bedeutung der feministischen Theorie für alternative Souveränitätskonzepte.19

Internationale Menschenrechte und staatliche Souveränität

Obwohl die internationalen Menschenrechte ursprünglich in den Gründungsurkunden der Nationalstaaten festgeschrieben wurden, besitzen sie heute die Kraft, die ausschließliche Autorität des Staates über seine BürgerInnen zu untergraben, und können dadurch zur Veränderung des zwischenstaatlichen Systems und der internationalen Rechtsordnung beitragen. Die Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat ist nicht mehr die einzige Grundlage, auf der Rechte durchgesetzt werden können. Alle EinwohnerInnen, ob BürgerInnen oder nicht, können ihre Menschenrechte einfordern (Jacobson 1996; Reisman 1990). Menschenrechte beginnen sich auf das Prinzip der Staatsbürgerschaft und auf die Grenzen der Nation auszuwirken. Die meisten Menschenrechtsbestimmungen, die bei der Berücksichtigung von Bedürfnissen, die heute mit den Lebensbedingungen von Frauen in Verbindung gebracht werden, am weitesten gehen, sind innerhalb des Kanons von Menschenrechten marginalisiert. Barbara Stark stellt fest, dass von den beiden Teilen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Teil über die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte derjenige ist, den Frauen am besten brauchen könnten, dass aber gerade dieser Teil auch die "marginalisierte Hälfte der internationalen Menschenrechtsgesetzgebung" darstellt; der andere Teil, der Vertrag über bürgerliche und politische Rechte nimmt eine wesentlich wichtigere Stellung ein. ("Die 'andere' Hälfte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als ein postmoderner feministischer Text" in Reconceiving Reality, S.20). Stark stellt fest, dass der Wirtschaftsvertrag "Frauen gegenüber Männern bevorzugt, indem er im Text de facto und de jure Diskriminierung verbietet ebenso wie er sich im Kontext auf jenes Konglomerat an Problemen konzentriert, das traditionell an den Frauen haften bleibt." (Ibid. S.20). Der Wirtschaftsvertrag verlangt von den Regierungen ein positives Engagement zur Gewährleistung von grundlegenden materiellen Standards für ihre BürgerInnen. Der Vertrag über die zivilen und politischen Rechte andererseits neigt dazu, die bestehenden männlichen Hierarchien zu reproduzieren und vertraute "negative Rechte" wie Religions- und Meinungsfreiheit anzusprechen. Anzumerken ist, dass die Vereinigten Staaten den Vertrag über die zivilen und politischen Rechten ratifiziert haben (im April 1992), nicht jedoch den Vertrag über die wirtschaftlichen Rechte. (Es gibt in den Vereinigten Staaten kaum wissenschaftliche Arbeiten zum wirtschaftlichen Teil der Erklärung der Menschenrechte. Stark zufolge (in einer Arbeit aus 1993) wurde erst ein einziges Buch zu diesem Thema in englischer Sprache verfasst, Glen Mower Jr., International Cooperation for Social Justice: "Global and regional Protection of Economic/Social Richts" 1985).

Es gibt also eine Verschiebung weg von der großen Bedeutung der Souveränität eines Staatsvolkes und des Rechts auf Selbstbestimmung hin zu einer wachsenden Bedeutung der Rechte von Individuen, unabhängig von ihrer Staatszugehörigkeit. Menschenrechtsbestimmungen können der Legitimität eines Staates Abbruch tun, wenn der Staat die Menschenrechte missachtet. Es geht also nicht mehr nur um Selbstbestimmung, sondern um die Achtung internationaler Menschenrechtsnormen. Es ist nicht klar, welches Ausmaß die Entwicklungen annehmen werden. Eine wachsende Zahl von Rechtsfällen weist aber darauf hin, dass Individuen und nichtstaatliche Organisationen Ansprüche gegenüber dem Staat erheben, insbesondere in Westeuropa, wo die Menschenrechtsgesetzgebung sehr weit entwickelt ist.20 Es ist interessant festzustellen, dass im Internationalen Gerichtshof ein Richter oder eine Richterin bei Streitfällen vor Gericht nur selten gegen die Position seiner oder ihrer Regierung stimmt. Im Europäischen Menschenrechtsgerichtshof hingegen ist dies keineswegs selten. Und kommt immer häufiger vor. Das ist signifikant, denn der Europäische Gerichtshof ist zum wichtigsten Organ für die Auslegung der Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention geworden.21

Sowohl in Westeuropa als auch in den Vereinigten Staaten war es vor allem die prekäre Lage der ImmigrantInnen und Flüchtlinge, die zu einer wichtigen Triebkraft für die Ausweitung des Menschenrechtssystems wurde. Zahlreiche Rechtsfälle zeigen, wie undokumentierte Einwanderung ein rechtliches Vakuum schafft, das nun zunehmend durch die Anrufung von Menschenrechtsverträgen gefüllt wird (siehe z.B. Hassan 1983; Jacobson 1996; Heissler). In vielen dieser Rechtsfälle haben individuelle oder nichtstaatliche Akteure auf der Grundlage internationaler Menschenrechtsbestimmmungen geklagt. Der Staat bzw. seine gerichtlichen Instanzen "vermitteln zwischen diesen KlägerInnen und der internationalen Rechtsordnung" (Jacobson 1996: 100). Gerichte sind damit zu zentralen Institutionen für eine Vielzahl von Veränderungen geworden. (Siehe auch Shapiro zu einer Vielzahl anderer Probleme, die durch gerichtliche Instanzen geregelt werden, 1991). Das Individuum ist nun ein Rechtsobjekt und ein Ort für die Durchsetzung von Rechten, egal ob InländerIn oder AusländerIn. (Siehe z.B. Steiner 1988; Goldstein und Kahane 1993; Sikkink 1993).

Die zunehmende Verantwortlichkeit von Rechtsstaaten gegenüber internationalen Menschenrechtsnormen und -institutionen und die Tatsache, dass Individuen und nichtstaatliche AkteurInnen auf dieser Grundlage Ansprüche gegenüber den Staat geltend machen können, verweist auf eine Entwicklung, die über die Ausweitung von Menschenrechten im Rahmen der einzelnen Nationalstaaten hinausgeht. Der Begriff der Nationalität entwickelt sich teilweise weg vom Prinzip, das staatliche Souveränität und Selbstbestimmung stärkt (durch das Recht und die Macht des Staates, seine Staatsbürger zu bestimmen), und hin zu einer Konzeption, die Staaten auf der Grundlage von Menschenrechtsregeln für alle seine BürgerInnen verantwortlich macht.22 Das Individuum wird also zu einem Objekt internationalen Rechts und internationaler Instanzen. Das Völkerrecht schützt immer noch staatliche Souveränität und findet im Staat sein wichtigstes Objekt; der Staat ist jedoch nicht mehr das alleinige Subjekt internationalen Rechts. Die Herausbildung internationaler Menschenrechtsregeln und einer Vielzahl von nichtstaatlichen AkteurInnen in der internationalen Arena deutet darauf hin, dass allmählich eine internationale Zivilgesellschaft entsteht (z.B. Falk 1989). Ohne Zweifel haben wir es dabei mit einem heiß umkämpften Raum zu tun, insbesondere wenn wir an den Widerspruch zwischen der Logik des Kapitalmarkts - Profit um jeden Preis - und der Logik der Menschenrechte denken. Und doch ist es ein Raum, in dem Frauen als einzelne und als kollektive Akteurinnen sichtbar werden können; ein Raum, in dem Frauen aus der Unsichtbarkeit auftauchen können, die sie in einem Nationalstaat umgibt, der einzig und allein durch den Souverän repräsentiert wird. Elshtain meint die Erfahrungen von Mittel- und Osteuropa, wenn sie eine Version von Souveränität ausmacht, die weder im Staat noch in dem Begriff vom "souveränen Volkswillen" anzutreffen ist, sondern vielmehr in den "verschiedenen Zusammenschlüssen von Subjekten, die in der Zivilgesellschaft miteinander in den Dialog treten... Hier wird die Koexistenz von einander überlappenden, durchlässigen Souveränitäten unterstellt, deren Rechte sind in Communities und Gruppen verankert sind und nicht ausschließlich im souveränen Selbst". (supra n.13, S. 1376-7).

Die Praktiken und Ansprüche der nichtstaatlichen AkteurInnen in diesem internationalen Raum könnten zur Entwicklung eines internationalen Rechts beitragen, wie es am klarsten beim internationalen Menschenrechtskodex und bei den Forderungen von Firmen und Märkten mit globalen Handlungsspielräumen zutage tritt.23 Für Frauen bedeutet das zumindest die Möglichkeit, sich auch in nichtstaatlichen Gruppen und Netzwerken zu organisieren. Die Bedürfnisse und Anliegen von Frauen werden nicht notwendigerweise ausschließlich durch staatliche Grenzen definiert (z.B. Gunnin 1991); wir erleben die Herausbildung von grenzüberschreitender Solidarität und von Zugehörigkeiten, die sich aus dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung, dem Feminismus ebenso wie aus dem Status von Klasse und Land ergeben, d.h. Erste versus Dritter Welt, die quer zu all dem liegen.24

Die wirtschaftliche Globalisierung muss auch an Hand ihrer vielfältigen Verortungen von Globalisierung verstanden werden, von denen viele nicht als integraler Bestandteil des wirtschaftlichen Globalisierungsprozesses gelten. Die Global City stellt dafür eine strategische Plattform dar. Viele dieser Verortungen sind an der demografischen Übergangssituation solcher Städte festzumachen, wo die Mehrheit der ortsansässigen Arbeitskräfte Frauen sind, oft Frauen aus dem Süden. Es ist wichtig, die Dynamik der Globalisierung in ihrer konkreten Ausprägung zu verstehen, um den Effekt der Geschlechterverhältnisse auszumachen. Arbeitskulturen und urbane Räume, die üblicherweise nicht als Teil der ökonomischen Globalisierung gelten, ermöglichen es, einen Aspekt des Geschlechterverhältnisses in der heutigen Weltwirtschaft zu erkennen: Die Vermehrung von schlecht bezahlten Jobs passt nicht in das Leitbild der Globalisierung und bildet doch einen Teil von ihr; ihre Verankerung in einer demografischen Übergangsphase und ihre sich daraus ergebende Unsichtbarkeit, was alles zusammen zur Entwertung solcher Arbeitskräfte und ihrer Arbeitskulturen beiträgt ebenso wie zur "Legitimität" dieser Entwertung. Sie kann als ein Bruch mit der traditionellen Dynamik gesehen werden, nach der die Zugehörigkeit zu führenden Wirtschaftssektoren zur Herausbildung einer ArbeiterInnenaristokratie führt, ein Prozess, der seit langem in der westlichen Industriegesellschaft gültig ist. Frauen und Immigranten ersetzen "Frauen und Kinder", wobei die als Familieneinkommen unter dem Fordistischen Vertrag weichgezeichnete ökonomische Bedeutung nun in aller Brutalität zum Vorschein kommt. Die ökonomische Minderbewertung einer Reihe von wirtschaftlichen Tätigkeiten, die namentlich durch die Informalisierung stattgefunden hat, schafft "Gelegenheiten" für Frauen mit niedrigem Einkommen und verändert so einen Teil der Arbeit ebenso wie die herkömmliche Geschlechterhierarchie in der Familie. Das ist besonders auffallend bei den Immigrantinnen aus Ländern mit eher traditionellen männlich dominierten Kulturen.

Der Artikel behauptet, dass die Neuordnung ökonomischer Räume sich auf Frauen und Männer anders auswirkt, anders auf männlich und weiblich abgestempelte Arbeitskulturen, auf männlich und weiblich orientierte Formen der Machtausübung. Wenn wir uns z.B. eine der Knotenpunkte anschauen, die selten mit Globalisierung in Verbindung gebracht wird - die Informalisierung -, so hat diese oft zur Folge, dass die menschliche Gemeinschaft und der private Haushalt wieder in die wirtschaftliche Arena zurückgeholt werden. Erfolgt durch das Wachstum der Informalisierung in der fortgeschrittenen urbanen Wirtschaft eine Neuanordnung gewisser Formen des Wirtschaftens zwischen Männern und Frauen? Frauen und Haushalte erweisen sich als Orte, die in die theoretische Betrachtung der Arbeitsmarktdynamik einbezogen werden sollten, wodurch wir eine Kontinuität mit älteren Formen wirtschaftlicher Arrangements erkennen. Ein zweiter strategischer Knotenpunkt dreht sich um die Frage der Souveränität und ihres Wandels unter dem Einfluss der Globalisierung, das Thema des vierten Kapitels. Das Völkerrecht, ein besonders formalisierter Bereich, in dem man die Auswirkungen dieses Veränderungsprozesses festmachen kann, hatte bisher den Nationalstaat als sein wichtigstes und grundlegendstes Subjekt. Es wurde auch als in seinen Grundzügen männlich ausgerichtet beschrieben (siehe Elshtain 1991; MacKinnon 1989). Der strategische Knotenpunkt für meine Untersuchung ist die Transformation von Souveränität und die Möglichkeiten, die dadurch für Frauen (und bislang überwiegend unsichtbaren Akteuren) geschaffen wurden, um sie zu sichtbaren TeilnehmerInnen an internationalen Beziehungen und zu Subjekten internationalen Rechts zu machen. Der einheitliche Staat ist nicht mehr der ausschließliche Akteur in internationalen Beziehungen, der sein Volk vertritt und es so individuell und kollektiv unsichtbar macht.

Anmerkungen

1 Der Begriff der globalen Wirtschaft wird zunehmend verwendet, um die spezielle Phase der Weltwirtschaft zu bezeichnen, die sich seit den 70-er Jahren herausbildet. Sie ist gekennzeichnet durch ein rasches Wachstum von Transaktionen und Institutionen, die sich außerhalb des alten Rahmens zwischenstaatlicher Beziehungen bewegen. (Siehe z.B. Mittelman 1996). Für eine umfassendere historische Analyse siehe Arrighi 1994; Hobsbawm 1991.

2 Ich habe mich selbst immer als jemand positioniert, die die Differenz konstruieren will. Ich leugne keineswegs die Existenz vieler Kontinuitäten; mir geht es jedoch um ein Verständnis der strategischen Diskontinuitäten. Dabei handelt es sich eindeutig nur um eine partielle Sicht, und die muss mit anderen Sichtweisen gemeinsam gelesen werden. Für weitere Forschungsansätze, die sich um das Erfassen von Diskontinuitäten bemühen, siehe z.B. die Arbeiten von HistorikerInnen, "globale Geschichte" auf den Begriff zu bringen, z.B. Mazlich und Buultjens 1993, oder für einen theoretischeren Versuch, eine frühere von massiven Veränderungen geprägte Periode neu zu bewerten, siehe Berman 1995; siehe auch Coombe 1995.

3 Siehe Professor Gracia Clarks Anmerkungen, wie in meiner Arbeit "Frauen und Kinder" durch "Frauen und Immigranten" ersetzt werden. Sie stellen in meinem Ansatz einen neuen Topos dar, der den Topos des fordistischen Familienlohns von Frauen und Kindern ersetzt. Ich kehre in den nächsten beiden Kapiteln zu diesem Thema zurück. Gracia Clark, "Implications of Global Polarization for Feminist Work", Conference on Feminism and Globalization, Indiana University School of Law, 22. März 1996.

4 Es ist in diesem Rahmen unmöglich, eine detailreiche Diskussion der Mainstream-Forschung und ihrer Kritik zu liefern. Für umfangreichere Forschungsergebnisse und Bibliographien sie z.B. Mittelman 1996; Morales 1994; Bonacich et al. 1994; Knox und Taylor 1995; Competition and Chance 1995; Storper und Walker 1989; UNCTAD 1993; Rosen und McFadyen 1995. Für meine spezielle Kritik und einschlägiges bibliographisches Material siehe z.B. Sassen 1994; 1996.

5 Die Global Cities von heute sind zum Teile die Räume des Postkolonialismus und enthalten tatsächlich die Voraussetzungen für die Herausbildung eines postkolonialen Diskurses (siehe Hall 1991; King 1990). Eine interessante Diskussion kreist um die Art der heutigen Internationalisierung in ehemaligen Kolonialstädten. Kings Analyse (1990) über die ausgeprägten und ungleichen Bedingungen, unter denen das Konzept des "Internationalen" hergestellt wurde, ist von größter Bedeutung. King weist darauf hin, wie zur Zeit des Kolonialreichs einige der wichtigen alten Kolonialzentren wesentlich internationaler waren als die Metropolen. Internationalisierung wird heute immer als in der Erfahrung des Zentrums begründet gesehen. Das verweist auf einen parallelen blinden Fleck der heutigen Zeit, auf den Hall in ihrer Beobachtung aufmerksam macht: dass die gegenwärtige postkoloniale und postimperialistische Kritik aus den ehemaligen Zentren der Kolonialreiche hervorgegangen ist und sich über etliche heute in den ehemaligen Kolonialstädten und -ländern herrschende Bedingungen gründlich ausschweigt. In ähnlicher Weise bildet der Gedanke, dass die heutige internationale Migration aus den ehemaligen Kolonien in das Zentrum im Falle Europas und aus neokolonialen Territorien im Falle der USA und Japans (siehe Sassen 1988) das Gegenstück zu der mit dem Kolonialismus einsetzenden Internationalisierung des Kapitals darstellen könnte, einfach nicht Teil der Mainstream-Interpretation von Vergangenheit und Gegenwart.

6 Methodisch ist damit die Dimension benannt, in welcher die Analyse gegenwärtiger Wirtschaftsprozesse stattfindet. "Nationalökonomie" ist bei einem hohen Grad an Internationalisierung eine problematische Kategorie. Und "Weltwirtschaft" ist ebenfalls eine problematische Kategorie, weil es in dieser Größenordnung unmöglich ist, eine detaillierte empirische Studie durchzuführen. Dagegen lassen sich an Hand von hochinternationalisierten Städten wie New York oder London die Globalisierungsprozesse innerhalb eines begrenzten Rahmens und mit all ihren vielfältigen und oft widersprüchlichen Aspekten auch im Detail untersuchen.

7 Diese Fragen als Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin anzugehen, hat für mich bedeutet, mich in verschiedenen Systemen der Darstellung zu bewegen und Räume als Schnittpunkte zu konstruieren. Es gibt analytische Augenblicke, in denen sich zwei Systeme der Darstellung kreuzen. Solche Augenblicke sind in Räumen der Stille leicht zu erkennen, dort, wo Abwesenheit herrscht. Eine Herausforderung ist es, zu sehen, was in diesen Räumen passiert, welche Handlungen (analytische, der Machtausübung, des Sinns) dort stattfinden. Eine Version dieser Räume als Schnittstellen ist was ich analytisches Grenzland genannt habe. Warum Grenzland? Weil es sich um Räume handelt, die durch Diskontinuitäten zustande kommen; in ihnen finden Diskontinuitäten ein Terrain anstatt auf eine Trennlinie reduziert zu werden. Ein Grossteil meiner Arbeit über ökonomische Globalisierung und Städte hat sich auf diese Diskontinuitäten konzentriert und versucht, sie analytisch eher als Grenzland denn als eine Trennlinie neu zu konstituieren. So entsteht ein Terrain, innerhalb dessen diese Diskontinuitäten als wirtschaftliches Handeln zu ihrem Recht kommen, dessen Eigenschaften nicht bloß eine Funktion der Räume zu beiden Seiten bilden (also die Reduktion auf den Zustand einer Trennlinie), sondern auch und ganz zentral eine Funktion der Diskontinuität selbst. Damit will ich sagen, das Diskontinuitäten ein integraler Bestandteil, eine Komponente des ökonomischen Systems sind.

8 Ein methodisches Werkzeug, das mir für diese Art der Analyse wertvoll erscheint, ist was ich die Distributions- und Installationskreisläufe wirtschaftlichen Handelns nenne. Diese Kreisläufe ermöglichen es mir, den wirtschaftlichen Tätigkeiten in Terrains zu folgen, die den zunehmend engen Grenzen der Mainstream-Darstellung der "fortgeschrittenen Ökonomie" verloren gehen, und über die Überquerung der sozio-kulturellen Diskontinuitätsräume zu verhandeln.

9 Dies lässt sich mit dem folgenden Ereignis illustrieren: Als sich die erste akute Börsenkrise im Jahre 1987 nach Jahren immensen Wachstums ereignete, gab es zahlreiche Presseberichte über die plötzliche und massive Arbeitslosenkrise unter den gut verdienenden "Professionals" in der Wall Street. Die andere Arbeitslosenkrise in der Wall Street, die Sekretärinnen und einfache Arbeiter betraf, wurde weder bemerkt noch wurde darüber berichtet. Und doch schuf der Börsenkrach eine gewaltige Arbeitslosigkeit, zum Beispiel unter den EinwandererInnen aus der Dominikanischen Republik in Nord-Manhattan, wo viele Reinigungskräfte der Wall Street leben.

10 Wir können diesen Effekt zum Beispiel bei dem ungewöhnlich scharfen Ansteigen der Anfangsgehälter von Anwälten beobachten, die von multinationalen Konzernen eingestellt werden, und parallel dazu bei der steilen Abwärtsbewegung der Löhne von unqualifizierten manuellen Arbeitskräften und Büroangestellten. Wir beobachten denselben Effekt beim Rückzug vieler Baufirmen aus dem Markt für Häuser und Wohnungen für Leute mit niedrigem und mittlerem Einkommen als Ergebnis der rasch expandierenden Nachfrage von Seiten der hochdotierten "Professionals" und der Möglichkeit, in diesem Bereich maßlos überhöhte Preise zu erzielen.

11 Wir müssen die spezifischen historischen Bedingungen für verschiedene Konzepte für das Internationale und das Globale erkennen. Es besteht eine Tendenz, die Internationalisierung der Wirtschaft als einen Prozess zu sehen, der in den hochentwickelten Ländern vor sich geht und eingebettet ist in die Macht der multinationalen Konzerne heute und in den Kolonialunternehmungen in der Vergangenheit. Man könnte anmerken, dass die Ökonomien vieler peripherer Länder auf Grund des hohen Grads an Auslandsinvestitionen in allen Sektoren der Wirtschaft und der wegen des Devisenbedarfs starken Abhängigkeit von den Weltmärkten gründlich internationalisiert sind. Was die Länder des Zentrums haben, ist eine strategische Konzentration von Firmen und Märkten, die global operieren, die Fähigkeit der globalen Kontrolle und Koordination und die Macht. Das ist eine sehr andere Form des Internationalen als jene, die wir in der Peripherie vorfinden.

12 Die Periode nach 1945, insbesondere jene, die in den 60er Jahren einsetzte, hat klare Bedingungen für die Bildung und Fortsetzung des internationalen Flusses von ImmigrantInnen und Flüchtlingen geschaffen. In Sassen (1988) habe ich versucht aufzuzeigen, dass die spezifischen Formen der Internationalisierung des Kapitals, die wir in dieser Periode erkennen, dazu beigetragen haben, Menschen zur Migration zu mobilisieren und Brücken zu bauen zwischen den Herkunftsländern und den Vereinigten Staaten. Die Implantierung westlicher Entwicklungsstrategien, vom Übergang kleingewerblicher Landwirtschaftsbetriebe zu einer exportorientierten kommerziell betriebenen Landwirtschaft bis zur Verwestlichung des Bildungswesens, hat Migrationsströme auf regionaler, nationaler und transnationaler Ebene ausgelöst. Gleichzeitig haben die administrativen Handels- und Entwicklungsnetzwerke der ehemaligen europäischen Kolonialreiche und die neueren Formen dieser Netzwerke unter der Pax Americana (internationale Direktinvestitionen ausländischer Konzerne, für den Export produzierende Wirtschaftszonen, Kriege für Demokratie) nicht nur Brücken für den Fluss von Kapital, Information und hochqualifiziertem Personal vom Zentrum in die Peripherie gebaut, sondern, so behaupte ich, auch für den Fluss der ImmigrantInnen. Siehe auch Mahler 1995; Journal für Entwicklung 1995; Massey et al. 1993. Hall (1991) beschreibt den Zustrom an Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg vom Commonwealth nach Großbritannien und wie England und das Englische in seinem Heimatland Jamaika so gegenwärtig waren, dass die Menschen es als selbstverständlich betrachteten, früher oder später in die Londoner Hauptstadt zu ziehen. Sieht man die Wanderungen der Nachkriegszeit von diesem Blickwinkel aus, erkennt man das nachwirkende Gewicht des Kolonialismus und der postkolonialen Formen des Imperialismus in den Prozessen der heutigen Globalisierung, insbesondere auch dort, wo Emigration und Einwanderungsländer aneinander gebunden sind. Die Haupteinwanderungsländer sind keine unschuldigen Zaungäste; die spezifische Genese und der spezifische Inhalt ihrer Verantwortung wird je nach Ort und Periode unterschiedlich ausfallen.

13 Siehe die parallele Dynamik bei der zunehmenden Informalisierung in den fortgeschrittenen Stadtökonomien (Sassen 1994 a).

14 Grasmuck und Pessar (1991) haben herausgefunden, dass sich Frauen aus der Dominikanischen Republik genau wegen dieser Vorteile in New York ansiedeln, während die Männer zurückkehren wollen. Sie fanden, dass die Frauen große Summen für teure langlebige Konsumartikel wie Haushaltsgeräte und Wohnungseinrichtungen ausgeben, die die Familie fester in die Vereinigten Staaten anbindet und das Geld reduziert, das für eine erfolgreiche Rückkehr notwendig ist. Die Männer ziehen es vor, so wenig wie möglich auszugeben, um für die Rückkehr zu sparen. Castro (1986) ist in ihrer Studie zu kolumbischen Frauen in New York City zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

15 Die Forschung über Immigrantinnen trägt zur Erweiterung der feministischen Forschung bei, die darauf abzielt, die Unterschiede zwischen den Frauen anzuerkennen, in diesem Fall ethnische, kulturelle und nationale Unterschiede. (Siehe Pessar 1995)

16 Diese Analyse geht davon aus, dass der Staat sich in die Privatsphäre einmischen soll, weil Frauen in der Familie oft in Gefahr sind; wenn man diesen Ansatz auf die zwischenstaatlichen Beziehungen ausweitet, verlangt man eine größere gegenseitige Verantwortlichkeit unter Staaten, wie es angesichts der Vorteile einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Umweltbereich vorgeführt worden ist. Radikalfeministinnen erscheint die Auflösung der Grenzen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten insofern nicht unbedingt wünschenswert, weil jede Intervention/Penetration Frauen bedroht (siehe auch Andrea Dworkin).

17 Für Knop ist die Analogie zwischen Individuum und Staat analytisch einengend. Sie mag dazu führen, dass die gerade erst entstehende feministische Forschung zu internationalem Recht in der feministischen Debatte über die Natur des Selbst und die Beziehung zu anderen auf die staatliche Ebene verlagert wird. Weiter kann das zur Behandlung des Staates als vereinheitlichte Einheit führen.

18 Ein großer Teil der feministischen Forschung befasst sich mit der Gleichbehandlung von Frauen in der internationalen Gesetzgebung und Rechtssprechung (Peterson 1992; McGlen und Sarkees 1993). Dieser Zugang impliziert immer noch die Betonung des Staates, obwohl hier auch die im nationalen Kontext entwickelte Vorstellung Eingang finden könnte, dass Gleichbehandlung die Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse von Frauen bedeuten muss (z.B. Minnow 1990).

19 Mehreren feministischen Forscherinnen zufolge gibt es heute keine feministische Staatstheorie (z.B. Knop 1993; Reaume 1992). In ihrer Kritik von MacKinnons Towards a Feminist Theory of the State stellt Reaume 1992 fest, dass dieser Text trotz des Titels eine solche Theorie nicht enthält. Es scheint mir, dass eine solche Theorie heute auf die großen durch die Globalisierung herbeigeführten Transformationen des Staates eingehen müsste, insbesondere auf die Dezentralisierung von Souveränität in Richtung nichtstaatlicher Akteure und auf die damit einhergehende Ausbildung anderer Normen jenseits des Nationalstaats (Siehe Sassen 1996).

20 Bestimmungen der Europäischen Konvention und Entscheidungen des Menschenrechtsgerichtshofes erlauben Individuen und nichtstaatlichen Akteuren als NebenklägerInnen aufzutreten. Sie haben in den 70er und 80er Jahren rasch zugenommen.

21 Mehrere Staaten haben viele der Bestimmungen der Konvention in ihre nationalen Gesetze aufgenommen - Deutschland, Niederlande, Frankreich, Spanien, Schweiz und Türkei. In diesen Fällen haben die Entscheidungen des Gerichtshofs direkte Auswirkungen auf die heimische Rechtssprechung, die so zu einem Schlüsselinstrument für die Durchsetzung von Menschenrechtsbestimmungen wird. Mit dem wachsenden Volumen an Fällen, über die der Gerichtshof entschieden hat, hat sich dieses Muster seit den frühen 80er Jahren zunehmend verfestigt.

22 Das ist eindeutig kein irreversibler Trend, wie die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien belegen, schafft jedoch neue Rahmenbedingungen, die jedes internationale Rechtssystem berücksichtigen muss. Diese Entwicklung ist bereits so weit gestärkt, dass sich selbst nationalistischer und ethnisch determinierter Widerstand mit der Existenz internationaler Menschenrechtsbestimmungen auseinandersetzen muss.

23 So können Individuen und Gruppen begrenzte Subjekte internationalen Rechts werden; nichtstaatliche Foren außerhalb des Rahmens der Vereinten Nationen können eingesetzt werden, um ihre Interessen zu vertreten (Johnston 1988; siehe auch Chinkin 1992).

24 Sollen, so Knop (1993), NGOs dafür verantwortlich sein, den Positionen von Frauen außerhalb des Staates Gehör zu verschaffen, dann muss eine internationale Rechtsgrundlage unabhängig von der Zustimmung des Staates geschaffen werden, um die Teilnahme der NGOs an der Formulierung internationalen Rechts zu gewährleisten. (Siehe auch Gunning 1993, wo es darum geht, wie der Einfluss einiger der gut etablierten und einflussreichen NGOs formalisiert werden kann; Charlesworth 1992, Chinkin 1992 interessieren sich mehr dafür, Frauen-NGOs allgemein mehr Macht zu verschaffen.

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Saskia Sassen

Ist Professorin für Stadtplanung und arbeitet an der soziologischen Fakultät der Universität von Chicago. Sie hat an Universitäten und Konferenzen bisher mehr als zweihundert Vorträge gehalten. Sie ist Autorin einer Reihe von Büchern und Publikationen über Fragen wie: Nationalstaat und Globalisierung; Souveränität im Zeitalter der Globalisierung; die Global City; ImmigrantInnen und Flüchtlinge. Sie hat zahlreiche Preise erhalten, u.a.: Ford Foundation, Tinker Foundation, Revson Foundation, Chicago Institute for Architecture and Urbanism, Twentieth Century Fund. In letzter Zeit war sie Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin, Deutschland; Sonderlehrbeauftragte am Institute for Advanced Studies, Wien, Österreich; Henry Luce Lehrbeauftragte an der Clark University. Sie wurde zum Fellow des World Economic Fund und zum Mitglied des Council for Foreign Relations ernannt.

ssassen@midway.uchicago.edu